An meine Kritiker

Gedanken aus dem Vorwort zum

Bach-Werke-Verzeichnis

 

Bei der Rückschau auf den Weg der Arbeit und auf die Arbeit selbst befallen den Herausgeber Zweifel an dem Geschaffenen. Wer wünschte auch nicht, sein Kind vollkommener zu sehen, als es ist? Und wer gäbe sich überhaupt angesichts einer solchen, dauernd im Fluß befindlichen wissenschaftlichen Materie mit dem Erreichten zufrieden, zumal, wenn wie hier, noch so viele Fragen der Beantwortung und so viele Probleme der Lösung harren? Einigermaßen „fertig" wird eine solche Arbeit freilich erwiesenermaßen erst nach zwei bis drei Generationen, und der, der den Anfang macht, setzt sich naturgemäß den meisten und heftigsten Angriffen aus. Aber einmal mußte diese Pionierarbeit geleistet werden, und sie so gut und gewissenhaft zu tun, als es in seinen Kräften stand, war des Herausgebers stetes Bemühen. Er ist sich auch darüber im klaren, daß der unvermeidliche zukünftige Umwandlungsprozeß wohl bereits am ersten Tage nach dem Erscheinen des Buches einsetzen dürfte, wenn z. B. zahlreiche im Verborgenen blühende glückliche Privatbesitzer von Bach-Autographen „erfreut" feststellen, daß ihre Handschriften nicht mit aufgeführt sind, oder wenn ängstlich gehütete Gelehrten-Karteien, gereizt durch die Kühnheit der Unternehmung dieses Verzeichnisses, ihre Schleusen öffnen und zahlreiche Pseudo- und vielleicht sogar einige echte Bach-Werke ans Tageslicht fördern. Der Herausgeber hegt diesem unvermeidlichen Lauf der Dinge gegenüber nur die eine bescheidene Hoffnung, daß sie ihm oder dem Verlagshaus in irgendeiner Form zugeleitet werden mögen. Eine solche opferbereite Anteilnahme wäre ein beglückender Beweis sowohl für die innere Ehrlichkeit und den Aufbauwillen der musikwissenschaftlichen Forschung als auch für die Ehrfurcht vor dem Genius Johann Sebastian Bach.

Dr. Wolfgang Schmieder